Aus Miedo wird Sam - ein Galgo mit Deprivationsschäden geht aus der Isolation ins Leben

von Diana Jork

Sam sucht noch sein eigenes Zuhause mit Menschen, die Einfühlungsvermögen für einen so speziellen Hund haben und auch weiterhin mit ihm seinen Weg gehen wollen.
 
Vor etwa 3 Jahren kam ein junger Rauhaargalgo in die Obhut einer spanischen Tierschutzorganisation. Er war damals ein Jahr alt und hatte den Großteil seines kurzen Lebens in einem Abbruchhaus mit brettervernagelten Fenstern verbracht. In diesem Haus lebten noch 2 weitere Galgos, die ebenfalls dieser Orga überantwortet wurden. Der junge Rauhaargalgo war extrem scheu, und man gab ihm deshalb den Namen „Miedo“ (Angst). Er unterschied sich jedoch sehr von den ängstlichen Galgos, die man bisher kannte. Miedo hatte Angst vor allem. Vor Menschen, Geräuschen, Gegenständen, sogar vor Hunden. Er wollte mit nichts und niemand etwas zu tun haben.
Die Tierschützer bauten ihm in einem Zwinger eine kleine „Trutzburg“ und hofften, dass sich Miedo so ganz langsam eingewöhnen und ein bisschen zugänglicher werden würde.

Sam in seiner Trutzburg in Spanien
 
Nichts davon geschah. Miedo lehnte jeden Kontakt ab. Berührungen erduldete er, wenn er keine Chance hatte auszuweichen, dann er erstarrte einfach und ergab sich. Wenn er sich jedoch zu stark bedrängt fühlte, geriet er in Panik und schnappte um sich. Den einen oder anderen Tierheimmitarbeiter ließ er in seine Nähe, aber die meiste Zeit verbrachte er allein in seiner Hütte – tagein, tagaus. Das alles sind Hinweise auf Deprivationsschäden. Deprivationsschäden sind im Prinzip Verhaltensstörungen, die entstehen, wenn einem sozialen Wesen Reize und Zuwendung vorenthalten werden, wie dies z.B. bei einer total isolierten Haltung geschieht. Ganz gravierend sind solche Schäden, wenn dies in der Wachstumsphase geschieht. Hundewelpen brauchen in bestimmten Phasen die entsprechenden Außenreize, um z.B. zu lernen, was und wer zur Familie gehört, dass man sich Herausforderungen stellen kann, sie lernen mit Aufgabenstellungen oder Bedrohungen umzugehen. Vieles wird spielerisch gelernt. Wird die Phase des Aufwachsens  in Isolation verbracht, ist in der Entwicklung ein wichtiger Schritt verloren gegangen, den man nur sehr schwer wieder aufholen kann. Die Hunde erscheinen überängstlich, am liebsten verkriechen sie sich in ihrer Ecke, die Außenwelt ist gefährlich, alles macht Angst und der Mut, Neugierde zu entwickeln, ist nicht vorhanden.
In diesem deprimierenden Zustand verbrachte Miedo 3 Jahre im Tierheim, alle Anstrengungen von Seiten der Tierschützer liefen ins Leere. Im November 2012 kam er zu mir.
Hunden wie Miedo muss man ganz behutsam helfen. Wir kennen ihre Vergangenheit nicht. Niemand kann vorhersehen, wie schnell sie menschliche Nähe zulassen, vielleicht selbst Kontakt aufnehmen. Man muss sich herantasten, vorsichtig „ausprobieren“, womit man z.B. ihre Neugierde wecken kann. Natürlich macht es keinen Sinn, sie den Rest ihres Lebens in einer Ecke verbringen zu lassen, aber sie sollten eine „Wohlfühlblase“ haben und die Erweiterung dieser Grenzen muss sehr behutsam erfolgen. Geht man zu schnell vor, läuft man Gefahr, bereits erreichte Fortschritte zunichte zu machen. Man muss eine Intuition dafür entwickeln, wann sie bereit sind, den nächsten Schritt zu gehen, die nächste Angstgrenze zu überschreiten. 
Vor Miedo gab es schon einige scheue, ängstliche, panische Hunde hier bei mir.  Solche Hunde bekommen alle Zeit der Welt und bei jedem versuche ich herauszufinden, was er benötigt, um seinen Weg zu finden. Nichts wird von ihnen erwartet, nichts wird gefordert. Was sie aber von sich aus anbieten, wird gefördert. Und wenn die Zeit gekommen ist, versuche ich gemeinsam mit ihnen die sie einengenden Grenzen zu erweitern. Bei all diesen Hunden sind die Ursachen für ihre Angst unterschiedlich, die Auswirkungen des Erlebten auf die Persönlichkeit sind verschieden und jeder geht auf seine Weise damit um. Aber alle suchen (und finden) schließlich ihren eigenen Weg, jeder von ihnen in seinem eigenen Tempo.

Der erste Schritt ist immer gleich: Sicherheit und einen Rückzugsort bieten. Und den bekam auch Miedo.

Ein sicherer Rückzugsort im Kreis seiner neuen Freunde
 
Nachdem Miedo angekommen war, zeigte ich ihm das Haus und den Garten; der erste Platz, den er für sich erkor, war im Schlafzimmer in einer Ecke neben dem Bett. Hier, so fand er, war es gut. Da das  Schlafzimmer jedoch im Winter recht kühl war, suchte er für sich einen neuen, geschützten Platz und fand ihn unter dem großen Esstisch. Dort wohnt er nun, hat sogar ein „Dach“ über dem Kopf – und ist zugleich immer in Gesellschaft meiner anderen Hunde. An diesem Rückzugsort ist er sicher und hat seine Ruhe. Aus seiner Ecke heraus beobachtet er alles,  sortiert Bewegungen ein in sein gedankliches Raster „gefährlich/ungefährlich“. Die ersten 2 Wochen hat er sogar unterm Tisch gegessen. Wollte ich ihn in den Garten schicken, musste ich unter den Tisch krabbeln und ihn anleinen und dann hinausführen. Draußen im Garten schien es ihm jedoch zu gefährlich, er wollte ganz schnell wieder zurück ins Haus,  wieder unter seinen Tisch.
 
Einige Zeit nach seiner Ankunft bekam Miedo einen neuen Namen. Schon bevor er ankam, war klar, dass er einen neuen Namen braucht, der alte Name konnte und sollte ihn nicht weiter begleiten … nomen est omen … und wir wollten ja weg von der Angst. Ich habe über Namen gegrübelt, nichts passte so recht; dann kam von einer Freundin der Vorschlag „Samwise“, kurz: „Sam“ (aus der Tolkien-Saga) und ich fand, dass dieser Name zu ihm passt.
Sam bekommt homöopathische Mittel, die ihm helfen sollen, sich sicherer zu fühlen und zu vertrauen. Den Besuch bei einer Tierärztin, die ganzheitlich arbeitet, hat er wunderbar „verkraftet“. Blockaden wurden gelöst, damit er freier atmen konnte und Akupunkturnadeln wurden gesetzt, um seine Lebensenergie wieder in Schwung zu bringen. Das hat er wie selbstverständlich hingenommen. Wir hatten viel Zeit, es herrschte gelassene Ruhe im Behandlungsraum, und die Tierärztin verfügt über viel Einfühlungsvermögen für solche Hunde, so dass die Behandlung für Sam sehr positiv verlief.  Überraschenderweise war es völlig „unproblematisch“ mit ihm in diese Tierarztpraxis zu gehen. An der Leine lief er einfach mit, blieb aber meist hinter mir, denn das schien ihm offenbar sicherer zu sein. Das ist auch heute noch so: solange niemand auf ihn zugeht, oder zu nahe an ihn herankommt, kann er fremde Menschen gut ertragen, zumindest solange ich dabei bin. Er möchte sie nur im Blick haben; das beugt Überraschungen vor.
Weder in seiner sicheren Zone noch an der Leine mag Sam Berührungen haben. Trotzdem streichle ich ihn immer mal wieder (aber nicht zu oft) ganz kurz mit lobenden Worten, damit er begreift, dass Berührungen nichts Böses verheißen. Von „Berührungen genießen können“ sind wir jedoch noch ganz weit weg. Anfangs ertrug Sam diese Mini-Streicheleinheiten mit angehaltenem Atem oder am ganzen Körper zusammenzuckend,  inzwischen nur noch starr, manchmal schaut er fragend, als ob er den Sinn dieser Berührungen suche. Jedes Anfassen wird angekündigt, ich spreche ihn an, zeige ihm meinen Handrücken, damit er sich darauf einstellen kann.

Seit Januar wandert Sam ohne Leine in den Garten, ein Blick von mir unter den Tisch, Blickkontakt halten, die Aufforderung „Komm , wir gehen raus!“. Dann muss ich vorgehen und er kommt hinterher, sich immer wieder absichernd. Aber nach wie vor drängt es ihn sofort zurück ins Haus unter "seinen" Tisch. Der Blickkontakt ist für ihn sehr wichtig, er ist einerseits unser fragiles Band und gleichzeitig eine Art Sicherheitsfaktor für ihn. Sam hält den Blick aus – natürlich mit entsprechendem Sicherheitsabstand zwischen uns beiden - , er sucht ihn sogar, dann fühlt er sich sicher. Komme ich ihm zu nahe, wendet er den Blick und schaut ins Leere. Geht er hinter mir, traut er sich sogar vorsichtig an mich heran, um mich zu beschnuppern.
Das kalte Wetter tat ein übriges, um Sam im Haus zu halten.

Die ersten Schritte im fremden Gelände besser an der Schleppleine und im ausbruchsicheren Geschirr (hier in eingezäuntem Gelände)
 
Nachdem wir im April ein paar warme Tage hatten, haben wir den ersten Schritt in die große Welt gewagt.
Ein eingezäuntes, abgelegenes Waldareal sollte unser erstes Ausflugsziel werden. Es bietet neue Eindrücke, aber ohne störende Reize von außen. Für meine anderen Galgos ganz normaler Alltag – für Sam ein neues Universum. Der erste Ausflug war mit Brustgeschirr und 8 m Schleppleine, damit er „frei“ laufen konnte. Die Leine hat ihn durch ihr geringes Gewicht nicht behindert, sie konnte nirgends hängen bleiben, aber aufgrund  ihrer Länge war ich sicher, dass ich an ihn herankommen könnte.
Auf dem Waldgrundstück brauchte er dann eine Weile, bis er es überhaupt wagte, sich die Gegend anzuschauen. Zuerst lief er nur teilnahmslos hinter mir her, dann traute er sich doch ein paar Mal, am Boden zu schnüffeln und nach ca. 40 Minuten entfernte er sich plötzlich und trabte los. Er nutzte die dortigen Trampelpfade , machte einen Bogen und startete durch - vielleicht zum ersten Sprint seines Lebens! Es muss ein tolles Gefühl für ihn gewesen sein, sein Gesichtsausdruck wandelte sich, seine Augen fingen an zu strahlen – er lachte! Es waren nur wenige Sekunden, in denen er aus sich herauskam, aber für ihn war es ein Meilenstein.
Auf dem Heimweg schlief er im Auto tief und fest und seine  nächsten Träume spielten im Wald, da bin ich mir ziemlich sicher.
 
Nach diesem Ausflug waren ein paar Tage Ruhe angesagt. Erst nach einer Woche gingen wir das zweite Mal „außer Haus“. Zwischen zweitem und drittem Ausflug lagen sogar 2 Wochen.
Diese Pausen sind wichtig, damit das Hirn die neuen Eindrücke verarbeiten und entsprechend verknüpfen kann. Manches wird über Träume wiederholt und dadurch nochmal durchlebt und die Eindrücke intensiviert. Da er in seiner Welpenphase nichts oder zumindest nicht viel gesehen und erlebt hat, hat er jetzt keine Basiserfahrungen, an die er seine neuen Erfahrungen anknüpfen kann. Die Basis muss er jetzt erst schaffen.  Was im Welpenalter quasi nebenbei geschieht dauert im erwachsenen Alter wesentlich länger und ist viel mühsamer. Aber – es ist möglich.
 

Ein glücklich wirkender Sam! Die ersten Schritte sind gemacht, das neue Leben wartet schon auf ihn!
 
Bei unserem zweiten Waldbesuch traute er sich schon gelegentlich, wenn auch nur ganz kurz - für ca. eine halbe Minute  - sich zu entfernen. Ansonsten stand er einfach im Abstand zu uns und den anderen Hunden herum und schaute allem zu. Auch das ist eine Art Erfahrung zu sammeln.
Beim dritten Besuch fühlte er sich dort offenbar schon wohl. Leine weg, eine gemeinsame Wanderung entlang der Pfade … und Sam zog mit den anderen Galgos los. Sie liefen, sie trabten, sie buddelten Löcher in den sandigen Boden, sie rannten die Wege lang, in der Gruppe, zu zweit, alleine. Sam mittendrin dabei und auch solo unterwegs. Vom zweiten zum dritten Wald-Besuch war das fast ein explosionsartiger Fortschritt. Er wirkt relativ locker und gelöst. Er ist jetzt sicher, dass ihm dort nichts geschieht und ich dort auf ihn warte, so dass er das Gebiet erkunden kann.

Für Sam war es bestimmt nicht selbstverständlich, dass er  nach den Ausflügen wieder in sein vertrautes Zuhause zurückkehren kann. Er hat das bisher einfach nicht erleben und lernen können. Nichts hatte einen Sicherheit gebenden Rhythmus, konnte zur (positiven) Gewohnheit werden. Auch das kann er jetzt langsam aber sicher lernen. Wir machen einen Schritt nach dem anderen und manches Mal werden wir vielleicht auch einen Schritt rückwärts gehen (müssen).
Sam hat noch einen langen Weg vor sich. Aber der Schlüssel ist gefunden, die Tür für seine eingesperrte Seele hat sich einen kleinen Spalt weit geöffnet.
 
 

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