Fellfarbe und Verhalten oder unser „verrückter“ roter Hund!

Choco unser „Trauma-Boy“ –  was kommt von den Genen und was hat das Leben gezeichnet?

Viele die unseren Galgo-Wirrkopf Choco kennen, haben mitererlebt wie durch 5 Jahre Training, Geduld, Einfühlungsvermögen und Akzeptanz, Choco inzwischen ein ziemlich entspanntes und sicheres Leben führen kann. Da in letzter Zeit wieder einige rote und rotgestromte Galgos in den Tierschutz kamen, bei denen man ebenfalls wie bei Choco so einige Verhaltensproblematiken feststellen konnte, kam bei mir wieder die Frage auf, was für einen Einfluss eventuell die Fellfarbe auf das Verhalten haben könnte. Daher war ich sehr gespannt auf den Vortrag „Fellfarbe und Verhalten“ von Dr. Udo Gansloßer bei Wunjo-Projekt von Stephanie Lang von Langen.

Es war ein sehr spannender und wissenschaftlich fundierter Vortrag, der mir so einige Erklärungen für meine Wundertüte Choco lieferte. So lernte ich, dass der Farbstoff Melanin in zwei Varianten vorkommt, dem Eumelanin, das Hunde mit einer schwarzen, braunen also dunkel pigmentierten Haut ausprägen und Pheomelanin, das rot- oder blond-fellige Hunde bilden. Diese Farbstoffe werden durch Sonneneinstrahlung gebildet oder müssen durch Bestandteile der Nahrung hergestellt werden. Im Gegensatz zu Eumelanin, das ziemlich stabil ist, weshalb auch dunkelhäutig Menschen so leicht braun werden und bleiben, ist das Pheomelanin „chemisch instabil“ und muss andauernd hergestellt werden, weshalb auch rothäutige Menschen gerade mal rot in der Sonne werden und auch schnell wieder verblassen.

Verstehen kann man die Tragweite dieser zunächst banalen Aussage erst, wenn man in die Herstellung dieses Melanin eintaucht. Ausgangsstoff ist dabei die Aminosäure Phenylalanin aus dem zunächst Tyrosin und dann Melanin hergestellt werden. Aber es werden auch L-Dopa, Dopamin (die Lerndroge „alles was Spaß macht“), Noradrenalin (das Kampf- und Sexualhormon, aber auch Lernverstärker) und Adrenalin (das Fluchthormon) hergestellt. Wenn nun aber unsere Blond- und Rothaarigen nur mit der Herstellung von Farbe beschäftigt sind, dann bleibt aus der Nahrung nur wenig übrig für die Lern-, Sexual,- und Konflikthormone. Wie sagte Dr. Gansloßer „sie befinden sich in einem ständig Sog der Pheomelanin-Herstellung was zu einem drastischen hormonellen Ungleichgewicht führt, das sich auch deutlich in ihrem Verhalten ablesen lässt.“

Als Welpe hatte Choco einen schweren Darminfekt gerade noch überlebt.

Dazu haben sie auch noch weniger Melanocortin, das das Immunsystem stärkt, die Lernfähigkeit und Neugier fördert und die Produktion des Sexualhormons erhöht. Diese Hunde können sich weniger gut gegen Viren schützen, leiden eher an Autoimmunerkrankungen und an chronischen Darm- oder Hauterkrankungen. Und so wundert es mich nicht, dass Choco mit 6 Wochen fast an einer massiven Darminfektion gestorben wäre, wenn seine damalige Besitzerin ihn nicht intensiv mit Medikamenten und Infusionen versorgt und den kleinen Wirbelkopf zwei Wochen Tag und Nacht betreut hätte. Als er wieder gesund war, wurde er in die Welpengruppe gesetzt und der Stress, dem er in der Hundegruppe ausgesetzt war, erzeugte im Verlauf bis zur Pubertät einen massiven Haarausfall. Auch als er schon bei uns war, hatte er am Kopf immer zwei Hautstellen, die vor allem im Winter schuppten. Heute haben wir das gut im Griff, geblieben sind nur kahle Stellen. An der Schwanzspitze, die haarlos geblieben ist, zeigt sich bei jeder psychischen Belastung Schorfbildung.

Das erste stressige Lebensjahr hat Choco gezeichnet.

Aber diese blonden oder roten Hauttypen haben auch ein reizbareres Cortisol-System. Das heißt sie sind empfindlich im passiven Stresssystem, weshalb sie sich viel schneller als dunkele Typen in Situationen überfordert fühlen. Dann reagieren sie passiv oder panikartig, zeigen hohe Fluchtdistanz und Panik,- Angst- oder Angstaggressionsverhalten. Geringste Stresssituationen bringen sie aus dem Gleichgewicht und lassen sie sich der Situation völlig unangemessen verhalten. Es sind Hunde, die sogar zu Depressionen neigen. Damit ist der Charakter unserer roten Chaoten perfekt beschrieben! Chocos Galguera meinte, er habe schon immer einen hektischen Charakter gehabt, ich würde ihn gar als hysterisch bezeichnen und auch seine Eltern seien „speziell gewesen“. Dieser nervöse und hysterische Charakter brachte ihn in der Hundegruppe immer wieder in Konflikt und machte ihn letztendlich zum Underdog in der Gruppe, der allen Mobbingattacken ausgeliefert war.

Mobbing als tägliches Sozial-Verhalten.

Typisch „rothaarig“ braucht Choco seine Zeit um zu lernen. Biedert sich Goya geradezu an, weil jede neue Aktion und Lernspiel ihm Freude macht, so hält sich Choco erst einmal zurück und beobachtet sehr genau, was da gerade passiert. Aus sicheren Abstand sozusagen. Er ist der zurückhaltende Typ was Neues angeht. Das hat er wohl auch schon in Spanien gemacht. Als er lernen sollte mit einer erfahrenen Hündin auf die Jagd zu gehen, ist er statt mitzulaufen auf einen Hügel geklettert und hat der Hündin zugesehen, was sie da so treibt. Wenn man ihm Zeit lässt und er mit einem zusammen Schritt für Schritt in ein neues aufregendes Abenteuer gehen kann, dann macht es ihm Freude und er kommt mit stolzen und glücklichen Blick nach Hause. Setzt man ihn unter Druck, zwingt ihn zu „Konfrontationen“ zu denen er noch nicht bereit ist, dann geht die Sache nach hinten los. Neben Hektik, Meideverhalten über Angst bis Panik kann dann alles an Reaktionen eintreten. Je nachdem wie sehr ihn die Situation hilflos und unsicher macht. Und wie sein genereller Stresslevel zu dem Zeitpunkt ist.

Choco ist weder stressbelastbar noch fexibel. Ihm gibt ein geregelter Tagesablauf, wenig neue Lebenseindrücke und das wachsende Vertrauen in die Stabilität und Verlässlichkeit seiner Menschen Sicherheit und Ruhe. Dann kann man auch mal ins Abenteuer starten.

Dr. Gansloßer hat auch Empfehlung im Umgang mit einem solchen genetischen zerbrechlichen Hund gegeben. Von klein auf muss ein solcher Hund vorsichtig und mit souveräner Führung an Aufgaben herangeführt werden, die er lösen kann. So kann er in seinem Selbstbewusstsein wachsen und ein souveräner Hund werden. Sie brauchen mehr Geduld, Nachsicht und vielleicht auch mehr Zeit um zu lernen. Aber dann sind auch sie in der Lage zu souveränen, klugen und gefestigten Hunden zu werden.

Als Kleinster in der Jundhundgruppe.

Genau diese Führung ins Leben fehlt aber unseren blonden und rothaarigen Problemhunden aus Spanien. Sie werden sehr früh, meist mit 6 Wochen von der Mutter getrennt, die ihnen Sicherheit, Vorbild und auch Regulator sein kann, wenn sie übermäßig reagieren. Dann werden sie im Welpenzwinger in einer Gruppe unterschiedlich alter Welpen und Junghunde gehalten. Dort schützt sie mit ihrer Hysterie und Hektik keiner! Niemand lässt ihnen Zeit beim Lernen, denn nun bestimmen die Starken und Cleveren die Gesetze im Zwinger. Die Welpenzwinger in Spanien sind unbeaufsichtigte Welpenspielgruppen in denen übermäßig getobt, gemoppt und verletzt wird. Diese wichtigen Prägezeiten sind für die meisten zurückhaltenden Welpen und vor allem für unsere „chemisch instabilen Roten“ die reinste Horrorzeit, die schwerste Verhaltensstörungen hinterlassen kann. So war es auch bei Choco, der auch noch der Kleinste in seiner Welpengruppe war und sich immer mit dem Rücken zur Wand gegen seine Zwingergenossen verteidigen musste.

Von klein auf war Choco in Verteidigungsposition, mit dem Rücken zur Wand gegen die Mobbingattacken seiner Junghundgruppe.

Später als er größer war hat er dieses erlernte Mobbing-Verhalten auch an Andere angewandt. In Situationen, die er beherrscht ist er ein kleiner erbarmungsloser Pisaker. Vor allem wenn er mit Hunden wie unserem Goya, dem Chef,  in Konkurrenz gerät. Der wird dann ohne Rücksicht an seiner Schwachstelle gepackt. Interessanterweise ist er gegenüber unsicheren Besucherhunden in seinem Zuhause enorm geduldig und liebevoll. Als hätte er Verständnis für deren Schwäche.

Das Mobbing in der Gruppe hatte sich in Spanien in der Pubertät zu einem richtigen Beschädigungskampf zwischen den Hunden entwickelt, aus dem Choco schwer verletzt von der Galguera aus dem Zwinger geholt wurde. Sie übergab ihn dem Tierschutz, mit der Bitte ein gutes Zuhause für Choco zu finden. Ich bin noch heute mit ihr im Kontakt und sie freut sich über alle Entwicklungen, die Choco bei uns macht.

Auch heute sucht Choco einen Sessel, Kissen oder Korb, der ihn eng umschließt, wenn er ein Erlebnis hatte, das ihn erschreckt hat.

Die eineinhalb Jahre im Zwinger haben jedoch  tiefe Spuren bei ihm hinterlassen. Choco benimmt sich wie ein Trauma-Patient, der kontrolliert an seine Ängste herangeführt werden muss, um dann in einer sicheren Atmosphäre das Erlebte verarbeiten und angepasste Verhaltensweisen lernen zu können. Misslungene Begegnungen mit anderen Hunden führen bei ihn zu Flashbacks, zu Schlafstörungen, deutlichen Rückschritten in alte Verhaltensweisen, Appetitlosigkeit, Verdauungsstörungen und nervösen Herumwandern. Man kann bei ihm dauerhaft hormonelle Störungen im Hirn annehmen, die sich auch in einer nur schwachen Impulskontrolle zeigen. Nun haben diese Rothaarigen ja schon einen instabilen Hormonhaushalt, der durch die Produktion von Sexualhormonen eine wichtige Stütze erhält. Und leider werden sie aus der Notwendigkeit der Haltung im Tierheim kastriert. Für Dr. Gansloßer ist das ein Eingriff, der diesen „chemisch instabilen“ Wesen erspart bleiben sollte, da die Sexualhormone für das schwierige hormonelle Gleichgewicht, in dem sich diese Hunde befinden, eine wichtige Unterstützung bedeuten. Durch die Kastration wird ihnen eine weitere hormonelle Stütze genommen, die sich dann bei Choco nicht nur in einen völlig chaotischen Seelenzustand bei seiner Ankunft in Deutschland zeigte, sondern auch zu einer Schilddrüsenunterfunktion führte, die nun medizinisch korrigiert werden muss.

Choco musste das normale Sprachrepertoire, wie freundliche Begegnung, Beschwichtigungssignal und angemessene Laufspiele wieder neu erlernen, wobei ihm Vorbild-Hunde geholfen haben.

Solchen Hunden kann man mit Psychopharmaka helfen, was wir bei Choco nicht gemacht haben. Wir wohnen abgelegen und so kann ich Spaziergänge machen, bei denen uns kein Hund begegnet. Im ersten Jahr haben wir nur kontrollierte Begegnungen zugelassen, damit Choco nie in Gefahr kam und aus den positiven Erfahrungen lernen und sich Strategien zurecht legen konnte. Dr. Gansloßer hat auch einige Ernährungstipps geliefert, die das Hormonsystem der Rothaarigen stützen kann. Damit sie aus ihrer Ernährung eine optimale Grundlage zu Bildung des Pheomelanin, aber auch noch genug Reserven zur Herstellung von L-Dopa, Dopamin und Adrenalin haben. Aber das wird Thema eines eigenen Blog-Beitrages sein.

Ein selbstbewusster und konzentrierter, glücklicher Hund bei einem Hunde-Shooting in der Toskana.

Das Wichtigste für Choco war Vertrauen zu seinen Menschen zu haben. Mit uns geht er inzwischen ziemlich gefasst durch Situationen, die er vor Jahren nicht ertragen hätte. Er ist ein Hund der Ruhe braucht, Entspannung und Kuscheln, davon zehrt er und es ist für sein inneres Gleichgewicht essentiell. Man muss ihm Geduld und Zeit geben, um Dinge zu lernen und gemeinsam mit ihm neue Aufgaben angehen, die er schaffen kann. Mit diesem Rezept ist in den Jahren ein glücklicher, wesentlich stabiler und selbstbewusster Hund gewachsen.