Training mit Diego, einem Podenco Canario von La Gomera


Diego wurde im zarten Alter von wenigen Wochen von Urlaubern auf La Gomera fast verhungert auf der Straße gefunden, einer Tierschutzorganisation übergeben und nach der Quarantänezeit mit nach Deutschland gebracht. Als ich ihn zur ersten Trainingsstunde kennenlernte, war er ca. 6 Monate alt und die ersten Probleme tauchten auf. Immer öfter machte er „sein eigenes Ding“, immer deutlicher wurde, dass bald sein Jagdtrieb deutlich zu Tage treten würde - manche Verhaltensweisen konnten seine Menschen nicht deuten und einsortieren. 
    Beim Welpen kann oft nicht eindeutig bestimmt werden, welche Rasse in ihm steckt.
 
Unser erstes Treffen fand in Haus und Garten der Familie statt. Ich lernte Diego's Zuhause, sein Umfeld, sein Verhalten und den Umgang seiner Menschen mit ihm kennen. Diego war verständlicherweise der neue Mittelpunkt seiner Familie geworden. Und es war Sommer, tägliche langdauernde Ballspiele im Garten, spielerisches Nachgejage, die gut gemeinte Aufforderung zu rennen und zu toben, Besucher, die alle mit Diego schmusen und mit ihm spielen wollten – das alles waren Stressfaktoren, die Diegos Stresslevel langsam aber sicher in die Höhe jagten. Alles war gut gemeint – ein junger Hund braucht schließlich ausreichend Bewegung und ein Podenco ist keine Schlaftablette, aber die ständigen Spiele und Bewegungsreize bewirkten das Gegenteil vom eigentlich Gewünschten: Diego wurde immer unruhiger und gestresster, er begann z.B. Besucher oder auch seine Menschen hysterisch anzubellen, oder wenn jemand sich etwas zu schnell bewegte, diesem in Schuhe und Waden zu zwicken.
 Aus einem von vielen -  wurde er der Mittelpunkt der Familie.
 
Nach dem Hausbesuch wurde deutlich, dass Ball- und Hinterher-Rennspiele im Garten sofort aufhören mussten, um ihn nicht ständig mit Bewegungsreizen zu überfordern. Der restliche Tagesablauf passte und so konnten Aktions- und Ruhephasen wieder in ein ausgewogenes Verhältnis kommen.
Diego und Frauchen Anke traf ich von da an einmal pro Woche zum Einzeltraining in Wald und Feld. Zum Lernprogramm für Anke gehörte in der ersten Zeit das Verstehen seiner rassebedingten Verhaltensweisen, z.B. dass es völlig normal war, dass ein Podenco draußen in der Natur auf seinen „Ich-bin-jetzt im Job“-Modus umschaltet oder dass er als „All-Sinnen-Jäger“ eine Maus nicht nur sieht oder riecht, sondern auch hört. Anke lernte die Signale von Diego, z.B. die Veränderung seiner Körperhaltung und -spannung, immer schneller zu lesen und konnte immer punktgenauer mit klaren Signalen einwirken. So konnte sie schnell genug auf ihn reagieren, wenn sie merkte, dass er etwas entdeckt hatte und ihn weiterschicken oder mit einer Aufgabe ablenken. Diego lernte, dass es Sinn und Spaß macht, auf Anke's Aufgaben einzugehen; schließlich achteten wir ja auch darauf, dass diese seinem Naturell entgegenkamen. Besonders wichtig war es, Diego nach einem Trainingstag oder einer Fährtenarbeit mindestens einen ruhigen Tag zu gönnen, an dem die Spaziergänge kürzer ausfielen und dafür Rumlümmeln im Garten angesagt war. Jedes ruhige und entspannte Verhalten von Diego wurde bestärkt.
 Die Auszeit im Garten, kann auch luxuriös auf der Liege genossen werden.
 
Für Diego war wichtig, dass er eine klare Führung bekam, Sicherheit zuhause (seine Welpenzeit war bestimmt nicht von positiven Erfahrungen geprägt), entsprechende Ruhezeiten, aber er brauchte auch einen Ausgleich für seine erwachende Jagdpassion. Als Ersatz fürs Jagen lernte Diego z.B. den Futterbeutel zu apportieren oder im Garten versteckte Gegenstände zu suchen. Um ihn vor einem Überdrehen beim selbstständigen Spiel oder beim Spiel mit anderen Hunden zu bewahren, lernte Diego das Kommando „Pause“.
 Für aktive Hunde ist es sehr wichtig ein "Pause-Kommando" zu lernen, um draußen aktiv in Ruhe gebracht werden zu können.
 
Die ersten 3 Monate waren anstrengend für Anke, aber sie hielt durch und lernte, ruhig, sicher, leise und gleichzeitig konsequent mit Diego umzugehen. Ich erinnere mich auch noch an ein Schild, das sie an der Haustür angebracht hatte „Hier wohnt ein junger Hund, der gerade viel lernen muss. Bitte haben Sie Verständnis und etwas Geduld, bis ich zur Tür kommen kann. Vielen Dank!“.
Mit jeder Trainingseinheit wurde Anke souveräner im Umgang,sie konnte Diego's Körpersprache immer besser lesen und zuverlässig reagieren. Die Spaziergänge wurden immer einfacher für sie.  Diego lernte, dass man nicht alles unbedingt durchsetzen muss, was in seinem Podencokopf an Ideen herumschwirrte. Dafür bekam er jede Menge interessanter Anregungen: der Wald wurde z.B. als artgerechter Agilityparcour genutzt, es wurde über Baumstämme balanciert, mit einem Futterdummy lernte er Fährten zu verfolgen, die um einen Baum gewickelte Leine lernte er wieder selbstständig zu entwickeln, er ging mit zur Trailinggruppe und entdeckte, dass es Spaß macht, verlorene Menschen zu finden. Und natürlich darf er bei den Spaziergängen auch immer wieder nach Mäusen suchen und springen und kann so einen kleinen Teil seiner natürlichen Jagdpassion voll ausleben.
Wir entdeckten auch, dass einiges, was Diego im Garten großen Spaß macht, im Wald überhaupt nicht sein Interesse weckt. Hier unterscheidet er ganz klar zwischen „daheim“ und „draußen in der Welt". Daheim ist Haus und Garten und bedeutet für Diego Freizeit und Vergnügen. Hier liebt er seinen Spielzeugstern heiß und innig und würde alles für ihn tun. Draußen im Wald oder auf dem Feld würdigt er den Seestern keines Blickes – hier ist er im Job, da hat er keine Zeit und Muße für Spieltiere!
 Für aktive Jagdhunde sind ausgiebige Ruhephasen von essentieller Bedeutung, um nicht auf dem Stresslevel zu bleiben, sondern wieder in einen entspannten Hormonhaushalt zu kommen. Nur so bleiben sie glücklich und gesund. Ansonsten entwickeln sie sich zu hibbeligen, hyperaktiven Hunden, mit allen möglichen gesundheitlichen Folgeschäden!
 
Natürlich ging es im Training nicht nur kontinuierlich gut voran. Es gab Zeiten, in denen alles wunderbar lief und plötzlich gab es einen Stillstand oder scheinbare Rückschritte, die viel Verständnis und Geduld erforderten. Auch musste der eine oder andere Trainingsansatz individuell modifiziert werden; so brachte uns der Versuch Diego zu klickern, nur einen völlig desinteressiert wirkenden Hund ein, der uns stehen ließ und lieber Mäuse suchen ging.
Aber Anke blieb am Ball bzw. am Training. Aus wöchentlichen Treffen wurde ein Trainingstreffen alle 2 Wochen, dann alle 3 und dann einmal im Monat. Alles in allem haben wir uns fast ein Jahr in immer größer werdenden Abständen zu Trainingsspaziergängen getroffen. Und es hat sich gelohnt!
Heute ist Diego 2 Jahre alt, läuft kontrolliert ohne Leine, ist zuverlässig von Wild abrufbar, ist ein begeisterter Fährtengänger und vor allen Dingen macht er seiner Familie viel Freude!
 
Beitrag von Diana Jork Hundetrainerin
Dogs & Hounds