Chocolate – ein besonderer Hund geht einen langen Weg

Im Juli 2009 hatte ich im Blog von Waldtraining den ersten Bericht über meine Chocolate geschrieben. Da der Blog nicht mehr existiert und mich immer wieder Menschen über die Texte von Chocolino, wie er jetzt heißt fragen, werde ich nach und nach die Texte im Blog auf „Windhunde aus Spanien“ wieder veröffentlichen. Wie auch die neuen Entwicklungen, die Chocolino bis heute gemacht hat. Chocolino ist immer noch kein Galgo, denn wir überall laufen lassen können. Schnelle Bewegungen lassen bei ihm immer noch das Adrenalin noch oben schießen und lösen, je nach Einschätzung seinerseits – ob Angreifer oder Beute – Angriff oder Flucht- Verhalten aus. Wir werden noch einen langen Weg haben, bis Choco in allen Situationen ein beherrschtes Verhalten zeigt. Aber Choco ist inzwischen ein glücklicher Hund, der sich von uns vertrauensvoll durchs Leben führen lässt und uns auf Reisen und Wanderungen begleitet. Aber seine Entwicklungsschritte werde ich in einzelnen Blogbeiträgen schildern. Hier nun der erste Bericht von ihm:
 
 So erschien Choco im Tierschutz, als dringender Notfall, der eine Pflegestelle braucht.
 
Die meisten Galgos, die über den Tierschutz nach Deutschland kommen, wurden kommentarlos in der Perrera abgegeben, von den Behörden eingefangen oder von Tierschützern von der Straße aufgesammelt. Für eine Vermittlung werden die Hunde aufgrund ihres physischen und psychischen Zustandes charakterisiert und daraufhin hypothetische Szenarien ihres bisherigen Lebens rekonstruiert. Chocolate, ein reinrassiger Galgo Espanõl aus der Gegend von Sevilla, ist daher ein außergewöhnlicher Fall aus dem Tierschutz, da sein Werdegang, von der Geburt bis zu seiner Reise nach Deutschland, lückenlos dokumentiert ist. Seine Geschichte und seine Verhaltensprobleme lassen einen über die Haltungs- und Lebenserfahrungs-Hypothesen, die über so manchen aufgefundenen Galgo gemacht werden, nachdenklich werden.
 
 Choco als kranker Welpe in den Armen seiner Galguera.
 
Chocolate wurde von einer Galguera mit ca. 6 Wochen vom Züchter geholt. Daher sind sowohl sein Geburtstag als auch seine Eltern bekannt. Kurz nach seiner Ankunft wurde er sehr krank. Da er regelmäßig Infusionen brauchte, entschloss sich seine Halterin, ihn mit in den Urlaub zu nehmen. So wuchs er in der wichtigen Prägephase in ganz engen Kontakt mit Menschen auf. Choco genoss den engen Körperkontakt zum Menschen, erfuhr Liebe, Fürsorge und Geborgenheit. Als er wieder gesund war, begann für ihn das ganz normale Galgoleben im Zwinger, zusammen mit den anderen Welpen und Junghunden. Sein bester Freund wurde Tigre, der einige Wochen älter war als er und er lebte das ganz normale Junghundleben mit Spielen, Laufen, Essen und Schlafen in der Hundegruppe. Aber der Kontakt zu seinem geliebten Menschen war immer essentiell für Choco und sobald sich seine Galguera im Zwinger zeigte, drängte sich Choco penetrant in den Vordergrund und klebte regelrecht an ihr.
 
  Choco im Junghundzwinger als Kleinster unter Halbwüchsigen.
 
Er war in der Jungtruppe der Kleinste und ist von Charakter auch ein hibbeliger und aufbrausender Charakter. Sehr schnell wurde er in der Gruppe der Drangsalierte ,auch  wenn das bei den jungen Hunden oft wie harmloses Raufen oder „Spielen“ erscheint. So nahm das auch die Galguera wahr, wenn ich sie auf die für mich bedrückenen Bildern, die sie mir aus seinem Leben geschickt hatte, ansprach. Aber diese Situationen war kein Spiel für Choco, sondern er war ohne seinen Menschen den Attacken der Jungspunds ausgeliefert und wehrte sich nach Kräften.
 
  Viele Bilder zeigen Choco, wie er sich gegen die Attacken der Größere wehrt oder die anderen von einen sicheren Platz  aus beobachtet.
 
Mit Beginn der Pubertät werden die Junghunde in Spanien nach Geschlechtern getrennt und mit dem Einzug in den Rüdenzwinger steigerte sich Chocos Leiden. Das starke Verlangen nach Nähe zum Menschen ließ ihn möglicherweise auch die Hierarchie in der Hundegruppe bei der Annäherung zum Menschen vergessen. Er drängte sich vor, schmiegte sich an seine Galguera und drohte möglicherweise auch so manchen Galgo weg. Er kam immer mehr mit den Rüden im Zwinger in Konflikt, war unglücklich getrennt vom Menschen und wurde mit der Zeit zum gemobbten Underdog der Gruppe. Man kann bei Zwingerhunden oft beobachten, dass sie sich sehr in sich zurückziehen, um den Stress der Enge und aufkochenden Emotionen in der eingesperrten Gruppe entkommen zu können. In einer solchen Gruppe ist das Berücksichtigen von Beschwichtigungssignalen von enormer Bedeutung. Befindet sich aber in der Gruppe ein Hund, der über all diese Signale hinweg, immer einen Hund aufmischt oder ein Hund, der immer die Grenzen des sozialen Friedens einer Gruppe überschreitet, dann steigt der Stress in der Gruppe derart an, dass durch die Gruppendynamik alle Hunde sich an einem Opfer austoben. So erging es wohl auch Chocolate. Permanent bedroht, angegriffen und in seinen Beschwichtigungssignalen ignoriert, gewöhnte er sich immer heftigeres Abwehrverhalten an. Dies eskalierte von Mal zu Mal, bis er schon auf kleinste Verhaltenssignale in aggressives Abwehrverhalten verfiel. Logischerweise führte dies zur Eskalation in der Gruppe, was dazu führte, dass Chocolate zunehmend heftiger verletzt wurde. Letztendlich hielt er sich nur noch gestresst in einer Ecke auf und hielt sich schnappend die Gruppe vom Leib. Seine zahllosen Auseinandersetzungen haben tiefe Spuren in seinem Gesicht hinterlassen, die er sein Leben lang mit sich führen wird. Der dauerhafte Stress führte dazu, dass er immer mehr Fell verlor. Der Galguera wurde die aussichtslose Lage von Chocolate bewusst und sie wandte sich an den Tierschutz mit der Bitte Chocolate zu übernehmen, da sie fürchtete er würde in der Gruppe nicht mehr lange überleben.
 
 Unkontrollierte Tobereien können in einem Zwinger eskalieren.
 
Die Geschichte von Chocolate hat mich sehr nachdenklich gemacht. Ein Hund, der unter spanischen Verhältnissen ein himmlisches Zuhause hatte, unter liebevollsten Bedingungen aufgewachsen ist. Der in der Obhut einer Jägerin, die ihre Galgos liebt, nur positive Erfahrungen mit Menschen gemacht hat. Der nie Hunger erleben musste, sondern in warmer, bequemer Unterkunft, mit gutem Futter und großzügigem Auslauf ein absolut hundegerechtes Leben hatte. Und dennoch kann für einen sensiblen Hund, der mit der Hundegruppe nicht zurecht kommt, das Leben aus den Fugen geraten und letztendlich zerbissen und fast nackt aus einer solchen vorbildlichen Haltung kommen. Wäre ein solcher Hund in Spanien auf der Straße gefunden worden, dann hätte im Vermittlungstext sicher gestanden, dass er aus schrecklichster Haltung stammt, unverträglich mit Hunden wäre und trotz seines grauenhaften Leben sein Vertrauen in Menschen nie verloren hat. Wie sehr hätte man sich getäuscht!
 
      Die idylische Haltung täuscht über Choco Seelenzustand hinweg.
 
Als Chocolate 2-jährig von der spanischen Jägerin zu Diana Jork (Galgos in Not e.V.) kam, war er stellenweise nahezu nackt, mit Narben am ganzen Körper übersäht und psychisch in einem besorgniserregenden Zustand. Er hatte große Angst vor anderen Hunden, versteckte sich oder reagierte auf Annäherung eines Hundes derart übermäßig, dass er Auseinandersetzungen geradezu herausforderte. Diana Jork musste immer wieder regelnd in die Begegnungen Chocolates mit ihren Hunden eingreifen. Glücklicherweise flüchtete sich Chocolate aufgrund seiner guten Erfahrungen mit dem  Menschen zu ihr und ließ sie aufkommende Konflikte regeln. Dieses Verhalten gibt einem die Möglichkeit, ihn bei falschem Verhalten zu korrigieren und andere Hunde auf Abstand zu halten. Chocolate wurde mit dem dauerhaften Kontakt zu seiner Pflegemutter ruhiger, selbstbewusster und im Umgang mit den anwesenden Hunden gelassener. Er konnte langsam zur Ruhe kommen und sich physisch und psychisch erholen. Erstaunlicherweise zeigte sich, dass er enge Freundschaften mit Hunden aufbaut und sich in Anwesenheit ihm bekannter Hunde wohl fühlt und engen Körperkontakt sucht.
 
     Choco kam in einem psychisch wie physisch schlimmen Zustand bei Diana Jork an und musste sich in die neue Hundegruppe erst eingliedern. Trotzdem stelle sich schnell heraus, dass das Leben mit vielen Hunden und wechselnden Pflegehunden für Choco großen Stress bedeuteten.
 
Heute nach einen Jahr in der Pflegestelle ist aus Chocolate ein fröhlicher und ausgelassener Hund geworden. Ein Galgo, der Menschen über alles liebt, nur gefallen will, intelligent, lernbegierig und neugierig auf sein neues Leben ist. Selbst im Freilauf orientiert er sich an seinem Menschen. Er ist leicht zu erziehen, da er unbedingt mit seinem Menschen zusammensein und agieren will. Choco  reagiert freudig auf eine leise und freundliche Kommunikation, versichert sich immer wieder, ob die Absprache mit seinem Menschen stimmig ist. Die Begegnung mit fremden Hunden ist für ihn immer noch beunruhigend. Er ist hier noch nicht ganz aus seinem alten Abwehrverhalten herausgewachsen und braucht ruhige, konsequente Führung von seinem Menschen. Er ist aber leicht zu korrigieren und mit der Zeit wird für ihn die Begegnung mit fremden Hunden ruhig zu meistern sein. Auch der Besuch von fremden Hunden in seinem Zuhause ist zunächst eine Stressbelastung für ihn, mit bekanntem Abwehrverhalten. Aber er beruhigt sich schnell und wenn er erst gemerkt hat, dass der Besucherhund keine Gefahr für ihn bedeutet, dann sucht er sogar von sich aus vorsichtig den Kontakt. Hunde, die er kennt begrüßt er freundlich und liebevoll.
 
 Choco orientiert sich auch im Freilauf an seinen Menschen, immer in der Furcht den Anschluss zu verlieren.
 

Damals wünschten wir Chocolino folgendes Zuhause.  Bei uns auf dem Lande, geborgen bei nur zwei weiteren nur wenig älteren Hunden, entspannte sich Chocolino zunehmend. Da wir hier einsame Wege gehen können, konnten Begegnungen mit fremden Hunden in einem geführten Training arrangiert werden. Wir haben im kontrollierten Training ihn mit verschiedenen Umweltsituationen konfrontiert und aus diesen Erfahrungen wurde das optimale Zuhause für Chocolino rekonstruiert. Sein Vermittlungstext lautete daher 2009 folgendermaßen:
 
Nun ist Chocolate endlich soweit, dass er in sein endgültiges Zuhause vermittelt werden kann. Er sollte nicht in eine Gegend ziehen, wo er täglich auf seinem Spaziergang 40 fremden Hunden begegnet. Der Windhundauslauf ist auch kein geeigneter Platz für ihn, da er eingesperrt mit so vielen Hunden in Stress gerät. Wenn aber Chocolate einen souveränen Ersthund an seiner Seite hat, der ihm das richtige Verhalten mit fremden Hunden vorlebt und einen Halter, der ihm ruhige klare Anweisungen gibt und ihn liebevoll führt, dann wird Chocolate jede Situation in seinem Leben meistern. Chocolate ist ein Hund, der seinen Menschen überall hin begleitet, der gerne Auto fährt. Wenn er Hunde kennt, dann begegnet er ihnen freundlich, an einen souveränen Hund, egal ob Hündin oder Rüde, bindet er sich voller Vertrauen, liegt ganz eng bei ihm, knabbert ihm am Ohr und spielt seinem Alter entsprechend ausgelassen. Zusammen mit einer Hundegruppe, die er kennt, geht Chocolate mit Begeisterung wandern, ist ein passionierter Fährtenhund und begleitet einen auch gerne beim Joggen. Choco schwebt an der Leine und ist ein edler Hund, den seine Lebenserfahrungen nicht zeichnen, sondern schmücken.
 
 Choco entspannt mit neuen Hundefreunden.
 
Wir wünschen uns für Chocolate ein Zuhause mit Garten, in dem Chocolate auch einen ruhigen Tag verbringen kann, wenn er sich von stressigen Begegnungen erholen muss.  Wir wünschen uns für ihn ruhige, konsequente Menschen, die wie Choco, den engen Körperkontakt lieben. Denn Berührungen und Kontaktliegen sind für Chocos seelisches Gleichgewicht von großer Bedeutung. Wichtig wäre für Choco ein souveräner Ersthund, der ihn den richtigen Umgang mit anderen Hunden vorlebt. Choco liebt trotz seiner schlimmen Erfahrungen Hunde über alles und sucht zu Hause engen Körperkontakt mit den vierbeinigen Familienmitgliedern. Sie sichern ihm, wenn der Mensch mal außer Haus sein muss, Sicherheit und Geborgenheit.  Wir wünschen uns sehr, dass jetzt der Mensch in Chocolates Leben tritt, der mit ihm zusammen die letzten Hürden zu einem normalen Hundeleben meistert und so mit ihm in Vertrauen und Liebe zusammenwächst. Chocolate ist ein ganz besonderer Galgo, wie ich ihn bisher noch nicht erleben durfte! Wenn Sie das Gefühl haben, dass Sie der besondere Mensch für Chocolate sind, dann melden Sie sich bitte bei:
 
 Choco im neuen Zuhause mit seiner Kuschelpartnerin Monja.
 

Nach einem weiteren Pflegejahr bei uns, mit intensivem Training und wenig passenden Nachfragen, haben wir Chocolino adoptiert. Chocolino ist Teil meiner Hundefamilie, geschützt von Goya und geborgen bei Monja. Welches Training ihm geholfen hat und wie sein weiterer Weg verlief, schildere ich in den nächsten Blogbeiträgen.
 
 Choco mit Familie und Freunden in seinem neuem Leben.